Der Autor

in medias res

Viele Dinge im Leben verdanken wir einem Zufall und manche Zufälle beeinflussen ganze Lebensabschnitte. Solch ein Zufall brachte mich auf die Spur des Berliner Bären.

Im Herbst 1993 besuchte ich wieder einmal unsere Berliner Stadtbären im Köllnischen Park. Immer wenn ich in der Nähe des Köllnischen Parks etwas zu erledigen hatte, nutzte ich seit meiner Kindheit die Gelegenheit unsere Berliner Bären zu besuchen. So kannte ich unsere zweite Stadtbärengeneration mit den Bären Nante und Jette, seit dem sie Ende 1949 den Bärenzwinger bezogen hatten. Den alten Bärenvater August Porath kannte in meiner Kindheit jeder Berliner.

Wie immer schaute ich also den Bären zu.

Dann aber erschien ihre Pflegerin, Frau Brigitte Kutzner, und ich kam mit ihr ins Gespräch. Es bot sich die Gelegenheit zu fragen, wann der Bärenzwinger erbaut wurde, denn solange ich zurückdenken kann bestand er bereits. Frau Kutzner erklärte mir, dass alle ihr bekannten Angaben darüber widersprüchlich sind und sie deshalb keine genaue Auskunft erteilen kann. Da ich oft unsere Berliner Bibliotheken besuche, versprach ich mich sachkundig zu machen und sie über das Ergebnis zu informieren.

In der Berliner Stadtbibliothek suchte ich dann in der Berlinliteratur nach Angaben über den Bärenzwinger im Köllnischen Park. Ich fand über diese bekannte Berliner Sehenswürdigkeit nur sehr wenige Ausführungen, und die waren tatsächlich sehr widersprüchlich. So steht im Handbuch der Stadt Berlin, dass der Bärenzwinger im Jahre 1928 für zwei Bären, die von der Schweizer Hauptstadt Bern gestiftet wurden, erbaut wurde. Das konnte einfach nicht stimmen. Fast in jeder Quelle fand ich andere Angaben.

Konnte das wahr sein, dass unsere Stadt so mit ihren Sehenswürdigkeiten umgeht ? Es gab nur zwei Möglichkeiten, entweder sich über den Umgang mit unserer Stadtkultur zu erregen, oder ganz einfach anzufangen die Dinge zu klären.

Also machte ich mich, gerade in den Ruhestand getreten und über die notwendige Zeit verfügend, an die Arbeit. Ich durchforstete die Stadtbibliotheken und Archive und fand viele Unterlagen, die in der Berlinliteratur bisher nicht erwähnt wurden. Dabei stellte ich fest, dass über die mehr als 700jährige Geschichte unseres Berliner Wappentieres überhaupt kaum Literatur vorhanden ist, dieses Kapitel unserer Stadtchronik stark vernachlässigt wurde, obwohl es zum ältesten Kulturerbe Berlins gehört.

Der Zufall wollte es, dass im Jahre 1994 im Köllnischen Park fünf kleine Bären geboren wurden und tausende Berliner kamen, um die verspielten kleinen Petze zu besuchen.

Ich hatte die Geschichte der Traditionsstätte unseres Berliner Bären, des Bärenzwingers im Köllnischen Park in groben Zügen aufgearbeitet und damit verbunden vieles über unsere Bärentradition, und konnte nunmehr damit an die Öffentlichkeit treten.

Für meine Arbeit fand ich das Interesse und die Unterstützung des Leiters des Naturschutz- und Grünflächenamtes des Stadtbezirkes Mitte, Herrn Stefan Rauner, der in dieser Funktion auch für den Bärenzwinger verantwortlich ist. Überhaupt bekennen sich die Mitarbeiter dieses Bezirksamtes zur Berliner Bärentradition, was auch in dem aktuellen Wappen des Stadtbezirkes seinen Ausdruck findet.

Nunmehr mit dem Berliner Bären intensiv beschäftigt, hatte ich auch einen solchen aus Plüsch geschaffen.

Wie ich darauf gekommen bin?

Das ist einfach zu erklären. Im Souvenirangebot in Berlin gibt es tausende Bären. Zunächst hatte ich mich darüber geärgert, daß überwiegend Teddys angeboten werden. Unser Berliner Wappenbär ist kein Teddy. Dieses, nach dem amerikanischen Präsidenten Roosevelt benannte, weltweit so beliebte Kinderspielzeug, hat mit unserer Berliner Bärentradition nichts zu tun. Seit dem Jahre 1280, wo unser Bär zum ersten Male auf einem Berliner Stadtsiegel erschien, ist unser Bär als echter Braunbär dargestellt. Ob als laufender oder als stehender Bär, immer ist der natürliche,

Dazu gibt es noch die Unsitte, jede Art von Bären, egal ob Koalabären oder Pandabären, als Berliner Bären auszugeben. Man setzt ihm eine Pappkrone aufs Haupt und hängt ihm ein Schild um, auf dem geschrieben steht "Ick bin een Berliner".

Das ist für mich Unkultur und Stilbruch.

Das hat unser Wappenbär nicht verdient.

In seiner über 700jährigen Wappengeschichte hatte der Bär niemals eine Krone auf dem Kopf. Sie war als Königskrone, als Mauer- oder Laubkrone immer auf dem Wappen abgebildet, aber nie auf der Haupt des Bären. Also entwarf ich ein Modell eines natürlichen Bären, suchte mir einen Produzenten und hatte schließlich meinen Bären für meine Stadt.

Liebevoll wird er in der Plüsch- und Stoffspielwaren GmbH in Gehren/Thüringen hergestellt und nur am Bärenzwinger im Köllnischen Park und hier verkauft. Mit meinem Bären und erster bescheidener eigener Literatur stand ich 1994, unterstützt von meiner lieben Frau, am Bärenzwinger und fand viel Interesse für meine Forschungsergebnisse.

Das allgemeine Interesse an diesem Thema ermunterte mich die Gründung eines Vereins zu erwägen, der die Berliner Bärentradition erforschen und pflegen sollte. Ich fand Berliner aus allen Stadtteilen, die zu den regelmäßiger Besuchern unserer Stadtbären gehören und Interesse an dem Vorschlag hatten. Jürgen Bathe aus Reinickendorf, ein waschechter Berliner, mit seiner Stadt innigst verbunden, Frau Gisela Franke aus Mitte, Frau Ilse Philipp aus Spandau, Frau Ellen Haehling von Lanzenauer aus Frohnau und viele andere mehr sagten ja zu meinem Vorschlag und so wurde im November 1994 der Verein der Berliner Bärenfreunde gegründet, dessen Vorsitzender ich wurde.

Er wurde bereits in kurzer Zeit zum wahren Sachverwalter der Berliner Bärentradition. Meine persönlichen Belege und die unseres Verein füllen viele Ordner. Zahlreiche Dokumente wurden gefunden, die zeigen, dass unser Berliner Wappentier stets in allen Lebensbereichen unser Stadt und in den Herzen ihrer Bürger zu Hause war und ist. Jürgen Bathe hat in vier Jahren über 350 Bärenskulpturen, -plastiken, -reliefs u. a. künstlerisch gestaltete Bären im Berliner Stadtbild aufgespürt, fotografisch aufgenommen und archiviert und damit eine bisher einmalige Sammlung geschaffen, die er auf Veranstaltungen unseres Vereins bereits mehrmals öffentlich vorgestellt hat.

Es macht viel Freude unserem braven Wappentier nunmehr den Platz in der Chronik unserer Stadt einzuräumen, den er verdient hat.

Online seit April 1999

Letztes Update: Februar 2011