Gedicht zur Wiedereröffnung

Die ersten Berliner Stadtbären, hilflos an das Schicksal der Stadt gebunden, wurden, bis auf die Bärin Lotte, Opfer des Krieges. Lotte wurde dafür ein Zeichen des Überlebens Berlins und Beginn einer neuen Epoche, der Nachkriegszeit. Sie wurde Ende Juni 1945 in den Berliner Zoologischen Garten überführt, dessen Bestand sich durch Kriegseinwirkungen bis auf 92 Tiere verringerte.

Lotte gehörte zur Wiedereröffnung am 1.7.1945 zu den Attraktionen und lebte dort bis zum Jahre 1971. Sie war nur ein "Bär", der einzige überlebende Stadtbär, aber lag nicht darin eine einmalige schicksalhafte Symbolik für ihre Stadt?

Der Bärenzwinger blieb dagegen bis 1949 leer. Durch den Krieg beschädigt, wurde er Spielplatz für die Kinder der Umgebung. Dann ergriff die "Berliner Zeitung" die Initiative. Berliner hatten in Leserbriefen darauf verwiesen, wie sehr ihnen die Stadtbären ans Herz gewachsen waren und wünschten sich einen Neubeginn der Bärentradition im Köllnischen Park.

Am 29.November 1949 zogen "Nante" und "Jette" dort ein und gründeten eine fruchtbare Familie mit 33 echten Berliner Stadtbärkindern. Als Nante 1979 und Jette 1984 verstarben, hatten sie der langen Bärentradition Berlins ein schönes Kapitel geschenkt. Menschlichen Versagens ist es zuzuschreiben, dass ihren Nachkommen nicht genehmigt wurde, ihre Erbschaft im Köllnischen Park anzutreten. Es kamen neue Bären, aber die große Chance, eine echte Berliner Stadtbärengeneration aufzubauen, wurde vertan. Hier hatte der legendäre Berliner Tierparkdirektor, Prof. Heinrich Dathe, seit der Mitte der fünfziger Jahre bis nach der Wende für diese Bären verantwortlich, wohl mehr die zoologischen Wesen und nicht die Berliner Bärentradition gesehen.

Dennoch war 1949 die Freude zur Wiedereröffnung riesig groß. Auch hierzu gab es poetische Äußerungen, so von Max Dietrich an einem Besuch des Zwingers am Heiligen Abend 1949, veröffentlicht in der "Berliner Zeitung" am 25.12.1949.

Ick hatte jestern noch wat inzukoofen,
Und weil ick dicht am Bärenzwinger war,
Konnt´ ick natürlich nich vorüberloofen
An unser frischjetauftet Bärenpaar.
Die beeden ließen sich von mir nich stören.,
Als ick von hinten sachte näher schlich.
"Sie" soll nun uff den Namen Jette hören.
Sie sollte et - se tat et aber nich!
Der zweete ooch - er heeßt natürlich - Nante --
Er stand an eenen Boomstamm anjelehnt,
Hat mir, als ick mir rufend an ihn wandte,
Laut brunmend von der Seite anjejähnt.
Nanu, so fragte ick mir in Jedanken,
Hat ihre Liebe etwa schon een Riß ?
Die werden sich doch beede nich noch zanken,
Wo et doch heute Heiligabend is !
Doch, nee, se haben sich janz jut vertragen.
Ick hatte mir bloß unverschämt jeirrt;
Det Knurren nämlich kam aus meinem Magen.
Det hatt se offenbar total verwirrt.
Ick winkte Nante mit´n Zeijefinger.
Der aber blickte Jette fragen an :
Du, kick´mal den da draußen vor dem Zwinger !
Wat will denn dieser olle Weihnachtsmann ?
Fix faßte ick in meine Manteltaschen
Und holte eene Zuckertüte raus.
Kaum merkten die, ick habe wat zu naschen,
Da reckten sie sich ihre Hälse aus.
Ick sah, wie sie jespannt herüberguckten.
Doch plötzlich sah ick beede vor mir stehn.
So schnell, wie die den Zucker runterschluckten,
So flink konnt´ ick beinahe jarnich sehn.
Ick hörte sie bloß dauernd beede schmatzen.
Mir selber jing det alles vill zu flink.
Die aber winkten bloß mit ihre Tatzen,
Weil Ihnen det woll noch zu langsam jing.
Behaglich leckten sie sich dann die Schnauzen,
Und ick erzählte ihnen, wer ick bin.
Ick hörte sie direkt vor Freude mauzen.
Und denn rief sie der Wärter beede rin.
Ick sah se friedlich durch de Türe schunkeln.
Die Zeit enteilte wie een schöner Traum.
Allmählich fing et draußen an zu dunkeln,
Und drüben strahlte schon een Weihnachtsbaum.
Uff jeden Fall hat et mir jut jefallen;
Jenau so, wie zu Haus der Abendrest.
Abschließend wünsche ick darum noch allen
Een frohet, anjenehmet Weihnachtsfest.

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Letztes Update: Februar 2011