Der Zwinger entsteht

Erst im Jahre 1937 entstand ein Projekt für unseren heutigen Bärenzwinger, und zwar durch Anstoß eines Berliners. Einen Tag nach der offiziellen Beendigung der 700-Jahr-Feier, am 23.August 1937, wurde in einer Zeitung, der "BZ am Mittag", als Beitrag eines Wilfried Bade, ein offizieller Brief, unter dem Titel, "Uns fehlt was in Berlin" an den damaligen Berliner Oberbürgermeister und Stadtpräsidenten, Dr. Lippert, veröffentlicht.

Darin hieß es u.a.:

"700 Jahre tanzt nun der Berliner Bär und die Berliner sind immer stolz gewesen auf ihr braves Wappentier. Warum nur muß es immer nur auf Siegeln leben, Urkunden, Fahnentüchern und Wappen? Nein, wir Berliner wollen was Lebendiges, wir, die Einwohner der lebendigsten Stadt. Und so wollen wir, so hoffen wir, so bitten wir uns nachträglich ein Geburtstagsgeschenk aus, einen richtigen lebendigen, brummenden, tanzenden, schönen Petz.

Ein Bär, ein Bärchen meinetwegen, dem wir Zucker geben können oder sonst etwas, der ans Gitter kommt und die große Pfoten durch die Stäbe steckt und der eine lange rote Zunge hat, und eben der Berliner Bär ist.

Vielleicht könnte man ihm ein schönes Freigehege bauen, im Tiergarten oder am Großen Stern, vielleicht auch direkt vor dem Schloß oder am Rathaus, da wo jeder Berliner vorbeikommt? Unser Wappentier, unser Bär!

Vielleicht - warum soll es nur einer sein - sucht Vaterbär sich eine Bärenfrau? Und vielleicht kugeln eines Tages ein paar süße kleine Bärenkinder im Zwinger ? Berliner Bärenkinder, unsere Berliner Bärenkinder, die wir schrecklich verwöhnen können, und die auch tanzen lernen, brummen und aufrecht gehen, lustig gravitätisch, wie eben ein Berliner Wappentier zu gehen hat."

Mit der Veröffentlichung dieses Wunsches wurden von W.Bade 10 Mark als erste Rate an den Oberbürgermeister überwiesen. Der Verlag dieser Zeitung erhöhte dann diese Spende auf einen ersten Bären.

Das ist der Anfang unseres Bärenzwingers. Egal wer der Autor war. Er sprach aus dem Herzen der Berliner. Das Interesse der Öffentlichkeit kommt u.a. in diesen hübschen Gedichten zum Ausdruck, daß die BZ am : 28.8.1937 veröffentlichte:

Für ... ... und "jejen"
Es klingt uns eine frohe Mär:
es kommt wahrhaftig nun ein Bär!
Er wird uns nicht erst aufgebunden
er ist so gut schon wie gefunden
Da las ich neulich in der Presse
Berlin braucht een lebendjen Bär!
Ich dachte bei mir, meine Fresse,
Was wolln die Leute bloß noch mehr ?
Trägt er den Ring schon in der Nase,
mit dem er sich mit uns verlobt ?
Geraten wir schon in Ekstase,
bevor wir seinen Tanz erprobt ?
Ick kann det janich ulkig finden,
Vaehrt man uns so´n Meister Petz.
Wir lassen uns keen Bär´n uffbinden !
Das fehlt uns noch zu juterletzt.
Der Bär er kommt nun nach "Bärlin",

bald ist er da, bald siehst du ihn !
Du kennst ihn ohne Vorbehalt
bereits in mancherlei Gestalt:

Det bleibt doch sicher nich bei eenen ...
So wat vamehrt sich schließlich ooch !
Erst is´s een Paar, dann komm´ de Kleen
Zuletzt sinds Bären noch und noch.
Als Erd-Beer lebt er auf dem Land,
als See-Beer aber mehr am Strand,
und hat der Brom-Beer etwa Beine -
dann nimm den Käfer an die Leine ...
Die Bär´n, die fleißig im Gebären,
Die fressen uns von Kopp det Haar.
Na, und wat aus u n s denn soll werden
Wenn det so jeht eenhundert Jahr ?
Doch wird der Bär zum Wappentier,
gleichsam als lebendes Gesetz,
dann schmettern wir ´ne Molle Bier:
Willkommen, "unser" lieber Petz !
Ick schlage vor Schluß der Debatte !
Der Bär bleibt bloß een Wappentier.
Sonst hab´n se alle eene Platte,
Die die "800" feiern hier !

MitBades Brief in der BZ am Mittag beginnt die Geschichte der lebenden Stadtbären im Köllnischen Park, und sie wurde ein nicht mehr wegzudenkender Teil der Berliner Kulturgeschichte.

Die Stadtverwaltung ging damals in die Offensive, und bereits am nächsten Tag, also am 24.August 1937, erklärte Oberbürgermeister Dr. Lippert einem Mitarbeiter der "BZ am Mittag":

"Ich kann nicht so ohne weiteres irgend einen Ausstellungsplatz für den Zwinger bestimmen, aber ich denke z.B. dabei an den Umbau des Märkischen Museums, der ja in absehbarer Zeit beginnen wird, und bei dem zugleich auch die Umgestaltung der Grünanlage am Märkischen Museum beabsichtigt ist. Der hier gelegene Köllnische Park wird zwar eine Randbebauung erhalten, aber der Park als solcher wird als Erholungsstätte erhalten bleiben, und ich könnte mir gut vorstellen, daß in der Mitte des Parks Platz für einen Zwinger oder einen Bärengraben wäre. Vielleicht ließe sich auch in der Nähe des Großen Sterns ein geeigneter Platz finden, und hier, in der herrlichen Umgebung des Tiergartens, wäre der Berliner Bär vielleicht sogar besser untergebracht als anderswo."

Im Zusammenhang mit ihrer Grußadresse zur 700-Jahr-Feier schenkte auch die Stadt Bern, die ebenfalls einen Bären als Wappen führt, nachträglich Berlin einen Bären. Ein entsprechneder Beschluß wurde vom Gemeinderat der Stadt am 22.September 1937 gefaßt. Nun hatte die Stadt bereits zwei Bären unterzubringen und das Problem des repräsentativen Platzes für die Bären mußte gelöst werden.

Seit Anfang 1938 wurde vom Oberbaurat Mittman, von der Entwurfsabteilung II des Hochbauamtes Berlin, an den Plänen zur Errichtung des Zwingers im Köllnischen Park gearbeitet. Als Fachberater hat auch der Zoobaumeister Behrend vom Zoologischen Garten mitgewirkt.

Am 13. Mai 1938 wurde im "Völkischen Beobachter" darüber informiert, daß der Zwinger im Köllnischen Park errichtet und dazu ein dort befindliches Straßenreinigungsgebäude umgebaut werden soll. Im Herbst sollten die ersten Bären dann einziehen. Bereits für Juni wurde die Ankunft der Bärin Leni aus Bern angekündigt, die vorrübergehend im Zoologischen Garten untergebracht erden sollte. Zum von der "BZ am Mittag" gestifteten Bären hieß es in diesem Beitrag lakonisch abwertend, daß die Bärin aus Bern noch einen "Lebensgefährten" erhalten soll, der der Reichshauptstadt aus privater Hand zugedacht ist.

Dieses und vieles anderes weisen darauf hin, daß die Initiative der "BZ am Mittag" in einigen regierenden Kreisen nicht gerade mit Begeisterung aufgenommen wurde. Der Bär aus Bern wurde von offizieller Seite immer in den Vordergrund gerückt und der BZ-Bär nebenbei auch erwähnt. Auch heute noch findet man Darstellungen, wo in Verkennung der Tatsachen die Errichtung des Zwingers dem Berner Bärengeschenk zugeschrieben wird. Die "BZ am Mittag" dagegen geht richtig, auch im Inhalt ihrer Schenkungsurkunde davon aus, daß sie den Anstoß zum Zwingerbau gegeben hat. Das reizte den Autoren natürlich geradezu, hier zu forschen und eindeutig klar zu stellen, wer der Initiator war. Erst ein Schreiben des Stadtarchivs und Dokumentationsdienstes der Stadt Bern vom 13.10.1994 bestätigte den dargelegten Sachverhalt.

Am 23. Juni 1938 brachte die "BZ am Mittag" in großer Aufmachung ein Bild von dem erwähnten Straßenreinigungsgebäude im Köllnischen Park und der dem Titel -Hier wird der "BZ-Bär" bald der Liebling der Berliner sein- und verwies darauf, daß am gleichen Tag die Ratsherren von Berlin über die Errichtung des Bärenzwingers beraten.


Diese Veröffentlichung löste bei den Ratsherren eine heftige Diskussion aus. Bürgermeister Steeg erklärte dazu laut Sitzungsprotokoll: "Ich werde mich hiergegen selbstverständlich verwahren, denn es kann nie und nimmer im Sinne unserer Aufbaupolitik liegen, angesichts der ungeheuren Bedeutung der Aufgaben, die auf Anordnung des Führers durchgeführt werden, unter solch großen Überschriften ausgerechnet mit einem Bärenzwinger an die Öffentlichkeit zu treten".

Schließlich wurde das Projekt am 26. Juni 1938 durch eine Entschließung des Oberbürgermeisters entschieden.

Dennoch gab es Widerstand gegen das Vorhaben. Aber daran ändert selbst die Erklärung des Reichsministers Dr. Goebbels im Juli 1938 nichts mehr, daß er vorläufig keine Errichtung eines Bärenzwingers wünscht und auch ein geheimer Reichserlaß zur Zeit der die Errichtung solcher Bauten nicht zuließe. Letztlich mag das Engagement des Oberbürgermeisters und das politische Interesse an guten Beziehungen zur Schweiz den Ausschlag für den Bau des Zwingers gegeben haben, denn der Bär aus Bern war dafür ein guter Aufhänger. Es ging vorran, denn die Stadt hatte 87000 Reichsmark zur Verfügung gestellt, die Pläne wurden vervollständigt, Angebote eingeholt und im November 1938 die entsprechenden Bauaufträge erteilt.

Der Tiefbau wurde von der Allgemeinen Baugesellschaft Lorenz & Co, in Berlin-Wilmersdorf, der Gebäudeumbau von der Firam Georg Lorenz, Bau- und Maurermeister in der Potsdamer Straße, ausgeführt. Von dem vorhandenen Gebäude wurde für die Oberlichtgestaltung das Dach abgetragen. Der Bau beinhaltete:

wie sie noch heute im wesentlichen erhalten sind.

Das Gebäude wurde mit Rathenower Klinkern verkleidet. Das Berliner Stadtwappen über der Eingangstür wurde von dem Berliner Bildhauer Ludwig Isenbeck aus Friedenau aus Muschelkalk angefertigt. Da nach der 700-Jahr-Feier bereits einige Zeit vergangen war ergaben sich einige Veränderungen. Wegen des Ausbruchs der Maul- und Klauenseuche konnte die für Berlin vorgesehene Bärin Leni aus Bern nicht nach Deutschland gebracht werden und war als "Bärchen" inzwischen zu alt geworden. Dafür wurden der Bär Urs und die Bärin Vreni aus dem 13 Bären zählenden Bestand des Berner Bärengrabens zur Verfügung gestellt. Urs, ein hell gefärbter Jungbär kam am 26.12.1938 zur Welt und Vreni wurde am 2.1.1939 geboren.

Dazu sollten sich zwei Bärinnen, der "BZ-Bär" und ein weiterer Bär aus dem Zoologischen Garten gesellen, und zwar die später Jule und Lotte genannten Geschwister, beide am 13.1.1939 als echte Berliner geboren.

Am Montag, dem 14.8.1939, wurden in Bern vom Stadtpräsidenten Dr. Bärtschi, dem Stadtschreiber Dr. Markwalder und dem Gemeinderat Steiger die "Mutzen" an den Berliner Stadtrat Engel und Obermagistratsrat Paproth übergeben. Die Schenkungsurkunde hatte folgenden Wortlaut: "Der Gemeinderat der Stadt Bern beehrt sich, der Reichshauptstadt Berlin zwei seiner Wappentiere aus dem Bärengraben in Bern als Geschenk der schweizerischen Bundesstadt zu übergeben. Er knüpft daran den Wunsch, es möge der trutzige Bär, den beiden Städten in ihrem Wappenschild führen, ein Sinnbild sein für ihre weitere kraftvolle Entwicklung und für die Fortdauer ihrer freundschaftlichen Beziehungen.

Bern, 14. August 1939"

Ausführlich wurde in den Berliner Zeitungen über die Verabschiedung in Bern, den Transport nach und die Ankunft in Berlin auf dem Anhalter Bahnhof berichtet.

Online seit April 1999

Letztes Update: Februar 2011